Brief aus Buenos Aires

plädoyer 06/2018 vom

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Seit drei Monaten lebe ich in der Provinz Junin. Sie gehört zu Buenos Aires, der Hauptstadt von Argentinien. Hier absolviere ich das letzte Semester meines Jus-Studiums. An der National ­University of Northwestern Buenos Aires belege ich die Fächer «Derecho ­animal» (Tierrecht), «Derecho ­informático» (Informatikrecht) und «Incidencia colectiva» (Stichwort «Class Actions»). Die Studenten gehen gut vorbereitet in die Vorlesung, bringen Zeitungsartikel mit und ­konfrontieren die Professoren mit ­vielen Fragen. Kurz: Der Unterricht ist sehr interaktiv – es gibt keine Hemmschwellen. Das gemeinsame Mate- Tee-Trinken mit den Pro­fessoren trägt sicherlich zu dieser ­lebhaften Atmosphäre bei.

Ausserhalb des Campus zeichnet sich im Land eine Krisenstimmung ab. Argentinien leidet unter ­Infla­tionswellen. Diese Krise färbt auf den Alltag ab: So gab es Tage, an denen die Geschäfte in Junin teilweise ­geschlossen blieben. Beim ersten ­Versuch, eine Bank aufzuspüren, die auch Schweizer Kreditkarten ­akzeptiert, war ich mehrere Stunden unterwegs. Ich bezahlte am Ende für 2000 Pesos Transaktionskosten von 425 Pesos – 23 Franken Spesen für 100 Franken Geldbezug! Die ­Behörden empfehlen, aus Sicherheitsgründen insbesondere abends nicht alleine unterwegs zu sein. Deshalb begleiten wir uns mehr oder weniger gegenseitig und sind nie alleine auf der Strasse. 

Subjektiv fühlte ich mich trotzdem vom ersten Tag an sehr sicher und ­geborgen. Gemeinsam mit zwei Mexikanerinnen und sechs ­Argentinierinnen lebe ich in einer ­Frauen­residenz. Ich bezahle für die Unterkunft 150 Franken pro ­Monat. Die Hausregeln sind streng. 

Zur Ruhe kommt man selten. ­Abgesehen von der Siesta mögen es die Argentinier nicht, allzu viel zu ­schlafen. Zu spannend sind Karaoke, Mate an der Lagune, die Fussball­spiele der «Boca Juniors» oder die Lernabende mit andern Studenten. Sei es auch nur der Geburtstag der Grossmutter – es gibt immer einen Grund zum Feiern.

Fazit: Buenos Aires und die Argentinier sind atemberaubend. In casu ist der Tatbestand der Verzauberung erfüllt!  

Ainhoa Rossell, 28, schloss 2015 an der Zürcher Hochschule für ­Angewandte Wissenschaften den Bachelor in Wirtschaftsrecht ab. Zurzeit absolviert sie ihr letztes Semester im Masterstudiengang der Uni Luzern an der National University of Northwestern Buenos Aires.

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