Brief aus Paris

plädoyer 01/2018 vom

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C’est vieux, mais original», sagt der Concierge entschuldigend, aber nicht ohne Stolz, als er mir mein Zimmer in der 1931 von Le Corbusier erbauten Fondation ­Suisse auf dem Campus der Cité ­Internationale Universitaire de Paris zeigt. Es wird mein Zuhause für die nächsten Monate sein. 

Mit «vieux, mais original» könnte man auch die Universität Sorbonne in Paris beschreiben. Ich besuchte dort Vorlesungen über Europarecht, ­Völkerrecht und Common Law. Alt, original und geschichtsträchtig sind einerseits die wunderschönen hölzernen Vorlesungssäle im Hauptgebäude. Eine goldene Plakette im Eingang ­einer dieser Säle erinnert an Marie Curie, die dort im Jahr 1906 als erste Frau in der Geschichte der Sorbonne ihre erste Vorlesung hielt. 

Alt und original ist aber auch der französische Unterrichtsstil. Die ­Vorlesungen gleichen einem Diktat: Mit dem ersten Wort des Professors beginnen Hunderte von Studenten, auf ihren Laptops zu tippen. Inter­aktionen zwischen Studenten und Dozenten finden nicht statt, Beamer und Power-­Point werden kaum benutzt. 

Bei den französischen Professoren ist oft ein gewisser Nationalstolz ­spürbar. So beispielswiese bei der ­Vermittlung des Europarechts aus der Perspektive Frankreichs als EU-Gründungsmitglied. Besonders interessant war die Sicht auf Europa und die EU als gelebte Realität – im Gegensatz zum oft negativen Aussenblick der Schweiz. Die erworbenen Kenntnisse der juristischen Fach­sprache in Französisch werden mir künftig sicherlich zugutekommen.

Neben den Vorlesungen bietet die juristische Fakultät für die Studenten fast wöchentlich interessante Gast­vorträge von Rechtsprofessoren aus ­aller Welt, mit deren Besuch man ­sogar ECTS-Punkte sammeln kann. 

Während meines Aufenthalts in Paris lernte ich viel über das Leben in einer Grossstadt und die französische Kultur. Paris ist auch in den kalten Wintermonaten eine spannende Stadt. Internationalität herrscht insbesondere auf dem Campus der Cité Internationale Universitaire de ­Paris, wo Studenten in den Häusern ­verschiedenster Nationen wohnen. So wie ich im Schweizer Haus von Le Corbusier, einem alten, aber zeitlos modernen Bau, der zum Mekka vieler Architekturstudenten geworden ist.

Livia Michel, 23, Masterstudentin der Rechtswissenschaften an der Universität Bern, studierte bis Dezember 2017 im Rahmen eines Mobilitätssemesters an der Universität Sorbonne in Paris. 

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