Hundenasen liefern keine Fakten

plädoyer 4/13 vom | aktualisiert am

Beweismittel · Die Justiz darf sich nicht auf ­wissenschaftliche Techniken stützen, die un­genügend geprüft wurden. Dies zeigt sich am Beispiel der Odorologie. Bei diesem Beweismittel ordnen Hunde den Geruch des Tatorts einem Verdächtigen zu.

Vergangenen April befasste sich ein Schwurgericht in Paris mit dem Fall von drei Personen, die verdächtigt wurden, der Eta anzugehören und 2007 zwei Mitglieder der spanischen Guardi Civil ermordet zu haben. Die Anklage basierte teilweise auf Odorologie. Dabei nehmen Hunde einen Geruch auf, der an einem Tatort gefunden wird, und «identifizieren» damit eine Person. Die Presse stürzte sich auf diese Geschichte und lobte das angebliche Wunder der Polizei.

Es ist unbestritten, dass Hunde verschwundene Menschen wiederfinden, vergrabene Körper lokalisieren, Drogen in einem Koffer oder die Überreste brennbarer Stoffe auf ­einem Brandplatz anzeigen können. Aber funktioniert dies auch bei der Bezeichnung ­eines mutmasslichen Spurenverursachers? Nicht wirklich. Denn die Riechfähigkeiten der Vierbeiner kommen vorwiegend beim Suchen und Klassifizieren zum Tragen: Sie können einen bestimmten Geruch wahrnehmen und einer Kategorie zuordnen. Ein Lawinenhund zum Beispiel soll jeden Menschen unter dem Schnee entdecken. Ein Hund an der Seite eines Zöllners ist darin ausgebildet, jegliche Spur bestimmter Drogen zu entdecken. In diesen Fällen gibt ein Hund lediglich einen Hinweis, der später bestätigt wird, indem man einen Körper, Drogen, brennbare Stoffe findet – oder eben nicht. In den beiden letzten Fällen folgen zusätzlich chemische Analysen.

Im Eta-Fall ging es nicht darum, den Geruch einer Person aufzuspüren, sondern gezielt eine Person als Verursacherin eines Geruchs unbekannten Ursprungs zu bezeichnen. Die Angaben des Hundes lassen sich in einem ­solchen Fall nicht mit einer unabhängigen Methode überprüfen.

Leistungen von Hunden sehr unterschiedlich

Was weiss man über die Fähigkeiten von Hunden, die Verdächtige «identifizieren» sollen aufgrund von Gerüchen, die an Tatorten erhoben wurden? Nur wenige wissenschaftliche Publikationen befassen sich mit diesem Thema, und sie kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Zunächst ist festzuhalten, dass die Resultate je nach Vorgehensweise variieren, wie die Niederländische Wissenschaftlerin Adee Schoon aufgezeigt hat.

Die Leistung scheint sich von Hund zu Hund stark zu unterscheiden – und für das gleiche Tier sogar von Tag zu Tag. Eine Studie des polnischen Wissenschaftlers Tadeusz Jezierski von 2010 besagt, dass die Leistung eines Hundes aufgrund seiner bisherigen Arbeit kaum vorauszusagen ist. Falls der Hund bereits Kontakte mit einem der Verdächtigen hatte, kann dies seine Reaktion beeinflussen. Sehr wichtig ist auch die Art der Ausbildung und des Einsatzes. Mindestens eine Studie suggeriert, dass Hunde Mühe haben, Gegenstände zu assoziieren, die mit verschiedenen Körperteilen der gleichen Person in Kontakt waren. Zudem scheinen einige Menschen einen Körpergeruch zu haben, der gewissen Hunden speziell gut gefällt – was zu Fehlalarmen führen kann. Das Problem ist: Man weiss nicht, bei welchen Leuten dies der Fall ist. Zudem sind es nicht immer die gleichen Leute, die Hunde positiv ansprechen, wie Jezierski und weitere Forscher aufgezeigt haben.

Emotionen des Herrchens beeinflussen das Tier

Bisher noch kaum erforscht wurde der Einfluss von Kosmetika, Tabak oder Alkohol auf den Körpergeruch eines Menschen und auf die Leistung eines Hundes. Ein weiterer Einflussfaktor ist laut Schoon der Zeitpunkt der Probenahme, insbesondere wie weit dieser in der Vergangenheit liegt. Und schliesslich haben weitere Wissenschafter festgestellt, dass die Leistung eines Hundes abfällt, wenn sein Herrchen emotional in einen Fall verwickelt ist.

Wie oft bringt also ein Hund eine Person mit einem Geruch in Verbindung, obwohl dieser nicht die Quelle eines Geruches am Tatort ist? In einer weiteren Studie ist eine Fehlerquote von 15 Prozent festgestellt worden, wobei sich je nach Hund und Tag grosse Unterschiede ergaben. Schoon kommt ebenfalls zu unterschiedlichen Werten; am extremsten fällt das Resultat von 60 Prozent falschen Identifikationen aus. Sie kommen zustande, wenn Hunde mit Verdächtigen konfrontiert werden, von denen keiner der Verursacher des  Geruchs ist, dem der Hund ausgesetzt wurde. Offenbar ist es schwierig für einen Hund, nicht zu reagieren, wenn er den zuzuordnenden Geruch nicht findet.

Zwei Jahre nach dieser Studie stellte Schoon insgesamt 5 Prozent falsche Identifikationen fest. Andere Autoren kommen bei der Zusammenfassung der Untersuchungen zum Schluss, dass sich Hunde in 10 bis 20 Prozent der Fälle täuschen.  Seither scheint keine andere Zahl publiziert worden zu sein. Jezierski leitet daraus ab, dass die generelle Fähigkeit von Hunden, einen Geruch korrekt mit einer Person zu assoziieren, bisher nicht erwiesen ist.

Hunde können also neue Hinweise liefern, aber reicht das «Erkennen» eines Geruchs einer Person durch einen Hund als Beweismittel gegen einen Angeklagten? Beim heutigen Stand der Wissenschaft muss dies bezweifelt werden. So hat das FBI 2005 eine Methode verworfen, die seit 1960 angewandt wurde. Dabei wurde die Zusammensetzung von Projektilen von Tatorten mit solchen verglichen, die bei Verdächtigen gefunden wurden. Im Bericht des amerikanischen National Research Council wurde diese Methode kritisiert, ebenso von zwei unabhängigen Forschern.

Wissenschaftliche Methoden hinterfragen

Die Vorgehensweise basierte auf der Annahme, dass zwei Projektile, die aus der gleichen Produktionsphase stammen, die gleiche chemische Zusammensetzung haben – während zwei Projektile, die entweder in verschiedenen Anlagen oder zu unterschiedlichen Zeiten produziert wurden, eine andere chemische Zusammensetzung aufweisen. Man schloss daraus, dass zwei Projektile mit der gleichen chemischen Zusammensetzung zwingend aus der gleichen Munitionsschachtel stammen und deshalb derjenigen Person zugeschrieben werden können, die diese Schachtel besass. Dies schien sehr logisch, erwies sich aber als falsch: Die chemische Zusammensetzung eines Projektils war keine verlässliche Angabe über seine Herkunft. Das FBI hätte dies wissen können, wenn es ernsthafte Unteruchungen zur Validierung durchgeführt hätte, bevor es diese Methode in den Dienst der Justiz stellte. Und die Justiz hätte Fehlurteile verhindern können, wenn sie ihren Experten gegenüber kritischer gewesen wäre. Dieses Missgeschick des FBI  ist kein Einzelfall. Immer wieder haben sich forensische Techniken als weniger verlässlich herausgestellt als angenommen. Der Grund dafür ist stets der gleiche: Die Techniken werden in den Dienst der Justiz gestellt, bevor man sie ausreichend empirisch getestet hat.

Wir müssen deshalb lernen, Methoden zu hinterfragen. Im Fall der mutmasslichen Eta-Terroristen hat sich das Pariser Gericht geweigert, sich nur auf die Odorologie zu stützen, um die Anwesenheit des einen Angeklagten zur Tatzeit festzulegen.  Leider ist aber die Praxis in diesem Bereich nicht einheitlich. Es gibt Richter, die basierend auf diesem Beweismittel auf ein Verfahren eintreten. Experte J. Wojcikiewicz sagt allerdings klar: «Niemand soll verurteilt werden, nur weil ein Hund mit seinem Schwanz wedelt.»

Alex Biedermann, Assistent Universität Lausanne; Franco Taroni, Professor Universität Lausanne; Joëlle Vuille, Post-Doc University of California, Irvine

Übersetzung aus dem Französischen: Corinna Hauri

 

0

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Artikel verwalten

Dieser Artikel ist folgenden Themen zugeordnet