Studenten sind für Banken unattraktiv

plädoyer 3/11 vom | aktualisiert am

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Ob Banken mit Studienkrediten gegen das Konsumkreditgesetz verstossen, ist umstritten. Allerdings bewerten die Banken Studienkredite ohnehin als finanziell wenig attraktiv und verzichten weitgehend auf solche Angebote.

Wer bei Banken anklopft, um einen Kredit für sein Studium aufzunehmen, hat schlechte Aussichten. Denn das seit dem 1. Januar 2003 geltende Konsumkreditgesetz (KKG) schreibt eine Kreditfähigkeitsprüfung vor, die für angehende Studenten schwierig zu bestehen ist. Sie verlangt den Nachweis, dass der Konsumkredit zurückgezahlt werden kann, ohne dass der nicht pfändbare Teil des Einkommens beansprucht wird. Weiter muss ein Schuldner den Konsumkredit innert 36 Monaten amortisieren können.

Die Walliser Kantonalbank hat damit kein Problem. Das KKG sei überhaupt nicht auf Studenten anwendbar, es betreffe ausschliesslich Konsumenten, macht sie geltend. Ein Konsument sei gemäss KKG «jede natürliche Person, die einen Konsumkreditvertrag zu einem Zweck abschliesst, der nicht ihrer beruflichen oder gewerblichen Tätigkeit zugerechnet werden kann», sagt Sprecher Jean-Yves Pannatier. Dies treffe nicht auf Personen zu, die einen Kredit zur Finanzierung ihres Studiums benötigen. Studenten bräuchten den Kredit vielmehr für ihre berufliche Tätigkeit. Es spreche also nichts dagegen, Studienkredite anzubieten.

Mehrzahl der Banken ohne Studienkredite

Felix Schöbi, KKG-Experte im Bundesamt für Justiz, teilt die Auffassung der Walliser Kantonalbank nicht, wonach das KKG auf Kredite für Studierende keine Anwendung findet. «Historisch ist diese Interpretation nicht haltbar», hält Schöbi fest, der die Revisionsarbeiten seinerzeit eng begleitet hat. Es sei darauf geachtet worden, dass keine Widersprüche zum Steuerrecht entstünden: «Da Ausbildungskosten nach dem Steuerrecht nicht als abzugsfähige Gewinnungskosten gelten, sollten sie auch gemäss KKG nicht faktisch wie Gewinnungskosten behandelt werden.»

Für Mario Roncoroni, Fürsprecher und Geschäftsleiter der Berner Schuldenberatung, ist die Sache genauso klar: Studienkredite fallen unter das Konsumkreditgesetz. Der Schuldnerberater geht dabei davon aus, dass Studenten in aller Regel an der Kreditfähigkeitsprüfung scheitern dürften.

Banken bieten denn auch in aller Regel überhaupt keine Studienkredite mehr an, seit das Konsumkreditgesetz in Kraft getreten ist. Das gilt nicht nur für die beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse, sondern auch für Kantonalbanken. «Seit dem 1. Januar 2003 vergeben wir keine Studienkredite mehr», bestätigt zum Beispiel Mats Bachmann von der Medienstelle der Basler Kantonalbank (BKB). Auch die Bank Coop und die Alternative Bank Schweiz (ABS) geben an, keine Studienkredite zu gewähren.

Drohende Verweigerung der Rückzahlung

Verunmöglicht das Konsumkreditgesetz also die Studienkredite? Das will BKB-Sprecher Bachmann so nicht gelten lassen. Beim Entscheid habe die Einführung des KKG zwar eine Rolle gespielt, aber: «Wir verzichteten vor allem auf die Studienkredite, weil sie kaum nachgefragt wurden». UBS-Sprecherin Dominique Scheiwiller sagt ebenfalls, dass ihre Bank seit Anfang 2003 keine Konsumkredite sowie auch keine Studentenkredite mehr anbiete.

Schuldnerberater Mario Roncoroni bringt Verständnis dafür auf, dass die Finanzinstitute ihr Angebot an Studienkrediten weitgehend gestrichen haben: «Man muss den Banken zugestehen, dass ihnen ein Restrisiko verbleibt. Insbesondere könnte ein Student die Rückzahlung seines Kredites mit der Begründung verweigern, er hätte den Kredit laut KKG gar nie erhalten dürfen.»

Felix Schöbi hat einen andern Verdacht: «Einige Banken nahmen das KKG als Vorwand, um ein ungeliebtes Geschäftsfeld loszuwerden.» So seien gewisse Kantonalbanken von den Kantonen bei der Vergabe von Stipendien eingespannt worden. «Da liegt die Vermutung nahe, dass sich die Banken lieber auf diese ‹Studienkredite mit Staatsgarantie› beschränken wollen.»

Ein Beispiel dafür ist Luzern. «Wir führen im Auftrag des Kantons Ausbildungskredite, die der Kanton bewilligt und garantiert», erläutert Daniel von Arx, Sprecher der Luzerner Kantonalbank. Dass das KKG ein Vorwand für den Ausstieg gewesen sei, treffe hingegen nicht zu: «Meines Wissens haben wir noch nie Studienkredite angeboten.» Die Gründe für diesen Verzicht seien nicht zuletzt «betriebswirtschaftlicher Natur».

Disput über Interpretation des Gesetzes

Studienkredite machen sich laut Jean-Yves Pannatier von der Walliser Kantonalbank nicht unmittelbar bezahlt: «Die Studienkredite rechnen sich für uns kurzfristig kaum. Sie sind aber Teil der langfristigen Strategie unserer Bank. Wir betrachten die Gewährung von Studienkrediten als erste Etappe einer langen Kundenbeziehung.»

Fakt bleibt: Seit das Konsumkreditgesetz in Kraft ist, bietet kaum noch eine Bank Studienkredite an. Der vom Gesetz verlangte Nachweis, dass der Kredit in 36 Monaten zurückgezahlt werden kann, ist bei einer Studiendauer von knapp sechs Jahren für ein Jusstudium mit Masterabschluss kaum zu schaffen.

Schöbi betont allerdings, dass es nicht Sinn des KKG sein kann, die Studenten an der gesetzlich vorgeschriebenen Kreditfähigkeitsprüfung scheitern zu lassen. Der Jurist plädiert dafür, diese Vorschrift «vernünftig» auszulegen: «Namentlich ist es möglich, diese Frist erst ab Abschluss des Studiums laufen zu lassen.» Schuldnerberater Roncoroni ist skeptisch: «Diese Interpretation halte ich für sehr gewagt.»

Sind aus Sicht der Schuldenberatung Studienkredite also generell abzulehnen? «Nein», meint Roncoroni, «Ausbildungskredite sind nicht per se schlecht. Ich hatte selber nach dem Studium Schulden über 14 000 Franken.» Denk- und wünschbar sei, dass über eine Anpassung des KKG die Studienkredite ausdrücklich vom Geltungsbereich des KKG ausgenommen würden. Die Gefahr, dass sich Studenten übermässig verschulden, verliert er dabei nicht aus den ­Augen: «Die Rückzahlungsmodalitäten müssen genau abgeklärt werden. Insbesondere ist dabei zu beachten, ob eine spätere Berufs­tätigkeit realistisch ist.» Gute Aussichten also für angehende Juristen, schlechte für angehende Kunsthistoriker.

Bürgschaft der Eltern für den Studienkredit

Unabhängig von einer allfälligen KKG-Anpassung hat die Walliser Kantonalbank einen Weg gefunden, das Risiko eines Kreditausfalls zu begrenzen. Sie geht mit Studienkrediten, die sie auf der Website als im «allgemeinen Bankenangebot nahezu einmalig» anpreist, wenig Risiken ein: «Wir vergeben Studienkredite nur, wenn die Eltern für den Kredit bürgen sowie unter Einschluss einer Risikoversicherung», so Sprecher Pannatier.

Im Wallis sind die Aussichten auf einen Studienkredit damit also also ausgerechnet für jene Studenten schlecht, deren Eltern zuwenig Geld haben, um ein Studium zu finanzieren.

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