So turbulent, wie man sich eine 16-Millionen-Stadt ­vorstellt, so turbulent war auch mein Start in das Austausch­semester an der Bilgi Universitesi in Istanbul im Februar: Schneechaos und eisige Kälte, wie man es in ­Istanbul seit drei Jahren nicht mehr erlebt hat.

Der Papierkram für die Auf­enthaltsgenehmigung stellte sich als ziemlich mühsam heraus – auch weil die ­Distanzen vom einen zum anderen Amt in einer Stadt wie ­Istanbul weit sein können und das Verkehrs­chaos gross ist.

Nebst der riesigen Stadt, die viel zu bieten hat, inklusive vieler ­kulinarischer Highlights, hat mich aber auch etwas anderes an Istanbul als Destination gereizt: Ich wollte wissen, wie es ist, in einem Land ­Vorlesungen zu menschenrechtlichen Themen zu besuchen, in dem ­Menschenrechte von der Regierung mit Füssen getreten werden und die Meinungsfreiheit stark eingeschränkt wird.

Die Bilgi Universitesi ist eine ­private Uni, die einen eigenen ­Masterstudiengang zu Menschen­rechten anbietet. Die Dozentinnen und Dozenten zeigen sich in den ­Vorlesungen einigermassen kritisch zur Rolle der Türkei im internatio­nalen Kontext. Allerdings nicht mehr so kritisch wie früher, wie mir von anderen Studenten gesagt wurde. 

Die Vorlesungen Human Rights Law, Public International Law und Information & Technology Law sind nicht allzu gut besucht. Das kann mit spärlichen Englischkenntnissen zusammenhängen, der fehlenden ­Präsenzpflicht – oder mit den ­schlechten Zukunftsperspektiven in diesem ­Gebiet. Verständlich, wenn ich an Anwälte denke, die nur auf der ­Anklagebank sassen, weil sie ihren Job erledigten.

Zweimal nahm ich als ­Beobachter an politischen Prozessen gegen ­Mitglieder der Anwalts­kammer Çağdaş Hukukçular ­Derneği teil. Dabei wurde mir klar, dass die ­Repression weiter zunimmt gegen jene, die sich für die Unterdrückten einsetzen oder ­politisch nicht auf der Linie der ­R­egierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan sind. Und sie macht auch nicht Halt vor der Ausübung des Anwaltsberufs.