Brief aus Heidelberg

plädoyer 04/2018 vom

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Bei der Feier zum Bachelor­diplom erfuhr ich erstmals von den laufenden Verhandlungen über einen koordinierten Master zwischen der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der Universität Freiburg. Von einem ­einjährigen Aufenthalt war die Rede und einem LL.M., noch während des Studiums absolvierbar. Ich war begeistert. Mein Aufenthalt in Heidelberg ist von einem vibrierenden Studentenleben geprägt. An einem Tag diskutiere ich mit Erstsemestern den Stoff von Vorlesungen. Am Tag darauf kämpfe ich in der Fachschaft mit deutschen Kommilitonen für Reformen oder vergleiche mit anderen LL.M.-Studenten die Rechtssysteme der Welt. Im ersten Semester hatte ich einen relativ strikt vorgegebenen Stundenplan und musste mehrere Grundlagenveranstaltungen zum deutschen Recht besuchen – den ­all­gemeinen Teil des Bürgerlichen ­Gesetzbuches und des Strafgesetz­buches sowie Staatsrecht. Doch dies lohnte sich, entwickelte ich damit doch ein grundlegendes Verständnis für das deutsche Recht. Das Schweizer Recht ist dem deutschen sehr ähnlich. Doch die kleinen Nuancen erlauben einen hochinteressanten Vergleich, ­decken unterschiedliche Blickwinkel auf und ermöglichen so neue Ideen. Ich musste feststellen, dass nicht alles, was ich in Freiburg gelernt habe, so unum­stösslich ist, wie es schien. 

Und ­andererseits, dass die Schweizer Rechts­ordnung doch mehr Dinge richtig macht, als es der politische Diskurs manchmal glauben lässt.

Im zweiten Semester war ich in der Kurswahl freier und verfasste meine Magisterarbeit, in der ich das Strafbefehlsverfahren von Deutschland und der Schweiz verglich und der EMRK gegenüberstellte. Aktuell ­besuche ich die Vorlesung Rechts­soziologie, in der die Wechselwirkung von ­Gesellschaft und Recht empirisch ­untersucht wird. 

Die Uni Heidelberg selbst ist ein alter Koloss auf der Kippe zwischen Tradition und Moderne. Im Vergleich zur Schweiz sind die Vor­lesungen ­praxisbezogener und werden ­mehrheitlich von Spezialisten aus der ­Praxis gehalten. Sie stehen im Zeichen der zwei Staatsexamen, ­welche die Studenten in Deutschland absolvieren müssen. Was besonders auffällt: Die Professoren scheuen sich weniger davor zurück, ihre Meinung kundzutun und aktuelle Themen ­aufzugreifen. 

Paul Stübi, 26, hat seinen Bachelor an der Universität Freiburg gemacht und absolviert zurzeit als erster Freiburger Student das koordinierte Master-Programm zwischen der Universität Freiburg und der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg (D). 

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