Brief aus Lima

plädoyer 01/2019 vom

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Welche Partneruniversität unterrichtet auf Spanisch und bietet mir die Möglichkeit, eine möglichst andersartige Kultur kennenzulernen? Dies waren die entscheidenden Fragen, die ich mir vor dem Auslandstudium stellte. Schliesslich entschied ich mich für die Pontificia Universidad Católica del Perú (kurz PUCP) in Lima. Dort besuche ich seit August die Kurse internationales Privatrecht, internationales Strafrecht sowie nationale und internationale Schiedsgerichtsbarkeit. 

Die PUCP ist eine Privatuni­versität und wird seit längerem als die beste Perus ausgezeichnet. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass es auf dem Campus ein eigenes Medizin­zentrum für die Studenten gibt oder an den vielen Veranstaltungen mit Referenten aus der ganzen Welt. ­Zudem haben wir die Möglichkeit, von Professoren und Professorinnen unterrichtet zu werden, die Mit­glieder von Gesetzesrevisionskom­missionen sind oder Peru in der Versammlung der Vertragsstaaten in Den Haag vertreten. 

Am Anfang überraschte mich der im Vergleich zur Schweiz etwas ­andere Unterrichtsstil: Er ist geprägt von Anwesenheitspflicht, wöchent­lichen Prüfungen, einer sehr freundschaftlichen Beziehung zwischen Studenten und Professoren sowie der aktiven Einbeziehung der Austauschstudenten. 

Passiere ich die Sicherheitskontrolle und verlasse den Campus, betrete ich eine andere Welt. In Lima herrscht ein Verkehrschaos mit ständigem ­Gehupe, und überall wird laute ­Salsamusik und Reggaeton gespielt. Jede Busfahrt ist ein Abenteuer, bei dem ich hoffe, dass es keinen Unfall gibt, dass der Bus keine Tür oder keinen Reifen verliert oder bei der nächsten Bodenwelle nicht in zwei Teile zerbricht. Als Europäerin fällt man je nach Stadtviertel sehr auf. Es ist für mich nicht immer einfach, damit umzugehen, dass ich aufgrund ­meiner Herkunft anders behandelt ­werde. Aber auch mit der herrschenden ­Armut und der hohen Kriminalitäts­rate werde ich täglich konfrontiert. Auf dem Campus hingegen fühle ich mich eher wie in der Schweiz. Ausserhalb des Campus achte ich darauf, dass ich nach 20 Uhr nicht mehr allein unterwegs bin. Nach meinem ­Auf­enthalt in Peru wird mir Lima als eine Stadt der Gegensätze in ­Erinnerung bleiben, die geprägt ist von der Herzlichkeit und der Hilfs­bereitschaft der Peruaner. 

Caroline Widmer, 23, absolviert ihr Masterstudium an der Universität Freiburg mit jeweils einem Auslandsemester an der PUCP in Lima und am Center for Transnational Legal Studies in London. Nach dem Studium ist es ihr Ziel, die Anwaltsprüfung abzulegen.

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